Der Charme des Nicht-ganz-Perfekten

Das Design der Vasen aus der KARE-Kollektion ist von der japanischen Kintsugi-Technik inspiriert, bei der die Fugen geklebter Keramikscherben mit Goldlack bewusst betont und “veredelt” werden. Foto: KARE Design

Nicht-perfekt wirkt lebendig

Alles schön, alles glatt, alles fehlerfrei? Der Trend zur ‚Imperfektion‘ ist eine Gegenbewegung zum Regiment der Perfektion. Digital entwickelte, automatisiert und seriell erstellte Dinge sind zwar ohne weiteres perfekt in Form und Gestalt, kommen aber eben auch uniform, austauschbar und unpersönlich daher. Wo Perfektion zur Normalität wird, droht sie zu langweilen. Das befeuert die Lust am nicht ganz so Vollendeten, am kleinen  Fehler, am Reparierten. „Digital gesteuerte Produktion und die modernen Materialtechniken bewirken, dass eigentlich jedes Bauteil mit jeder beliebigen Oberfläche ausgestattet werden kann. So lässt sich Billiges von Hochwertigem rein äußerlich nicht mehr unterscheiden“, bekräftigt ein Designer, dass unsere Waren- und Konsumwelten ein hohes Level an Perfektion erreicht haben. „Und wo Perfektes in unbegrenzter Menge zum kleinen Preis verfügbar ist, wird der kleine Makel lieb und teuer.“

Handgemacht, zufällig
Imperfektion feiert das Nicht-ganz-so-Perfekte und beschreibt die Dinge mit Unregelmäßigkeiten, ausgebesserten Stellen, gewollten Spuren des Gebrauchs, kleineren oder größeren Abweichungen. Oft geht es dabei um Handgemachtes, handwerklich oder kunsthandwerklich hergestellte Dinge, oder auch “Gelebtes“ und „Geliebtes“.

Die Raku-Keramik zum Beispiel, stellt nach einer alten japanischen Brenntechnik Fliesen mit bewusst ‚zufälliger‘ Optik in Handarbeit her. Auch die japanische Tradition Kintsugi zur Reparatur von Keramik greift den Trend auf: „Risse oder Scherben werden mit Lack wieder zusammengefügt und die Bruchstellen werden noch mit Goldlack betont. Diese Technik schafft eine neue Ästhetik und drückt die Wertschätzung an Gegenständen aus“, beschreibt Jürgen Reiter, Gründer und Kreativ-Chef der KARE Design GmbH.

Foto: KARE Design

In Würde gealtert
Dass im Innendesign immer häufiger mit Altholz gespielt wird unter bewusster Inkaufnahme aller Spuren, die der Zahn der Zeit und ggf. der Wurm hinterlassen haben, passt ebenfalls ins Bild. „Veredeln Sie die Astlöcher mit glitzernden Swarovski-Steinen oder Blattgold, so würdigen Sie die Eigenarten der Natur“, empfiehlt ein Designer, den Trend zu zelebrieren.

Im Pflanzenbereich, wo man es ja eigentlich immer mit lebendigen Persönlichkeiten, individuellen Wuchsformen o.ä. zu tun hat, blicken Sie nun vielleicht voller Wohlwollen auf „die Launen der Natur“, wenn ein Pflänzchen mal wieder aus der Reihe tanzt…

Mit diesen Lounge-Möbeln der Local Heroes Druckmittel Ltd. aus Dortmund war die Speaker’s Corner auf der letzten IPM ausgestattet: Den unregelmäßigen Charakter der Holzmaserung betonte eine zusätzliche Bearbeitung.

In den Läden von Lush, hier in Berlin, dürfen Badebomben unverpackt ihren Duft verströmen, und von riesigen Seifenbarren werden Einzelportionen abgesäbelt. Zu dieser improvisiert wirkenden Warenpräsentation mit Marktstand-Appeal passen die Möbel ausgezeichnet, die aus altem Holz gebaut sind. Foto: Lush